Die SPD-Gemeinderatsfraktion will bei der Aufarbeitung der NS-Zeit in Mannheim den gemeinsamen Weg aller Fraktionen weitergehen. Dies sagte Fraktionsvorsitzender Ralf Eisenhauer im Hauptausschuss des Gemeinderats.
Das Forschungsprojekt unter der Leitung von Dr. Christiane Fritsche „Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim“ hat neue Erkenntnisse gebracht, manche Vermutungen bestätigt und Fragen zur weiteren Auseinandersetzung mit geschichtlichen und zeitgeschichtlichen Ereignissen aufgeworfen.
Ralf Eisenhauer, Vorsitzender der SPD-Gemeinderatsfraktion, erklärt dazu:
Dieses Jahr feiert die Deutsche Sozialdemokratie ihr 150-jähriges Bestehen. Damit ist sie die älteste demokratische Partei in Deutschland. Somit hat sie sich auch historisch als die stabilste politische Kraft im Kampf für Demokratie und Menschenrechte – immer gegen Gewalt und Diktatur – erwiesen. Dazu gehören auch das Bekenntnis und der Widerstand gegen die beiden totalitären Regime im 20. Jahrhundert in Deutschland. Zudem ist es 80 Jahre her seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und damit auch der historischen Rede des Sozialdemokraten Otto Wels im Reichstag.
Vor diesem Hintergrund und da wir uns unserer eigenen, auch wechselhaften Geschichte als Partei als Teil unserer Gesellschaft stets bewusst sind, haben wir nicht die Hybris, in moralischen Kategorien über andere und über vergangene Zeiten urteilen zu wollen. Aber aufgrund unserer Geschichte haben wir als Organisation eine authentische Grundlage zur Einordnung von historischen Zusammenhängen.
Keine Verharmlosung, keine Alibi-Politik
Der SPD-Gemeinderatsfraktion ist viel daran gelegen, dass alle Parteien sich im Umgang mit der Aufarbeitung und Darstellung der Arisierung in Mannheim einig sind. Genauso geht es uns um eine besonders sorgfältige Betrachtung des Ehrenbürgers Heinrich Vetter. Es darf weder um eine Verharmlosung gehen, aber auch nicht um eine symbolträchtige und nur vordergründig das kollektive Gewissen bereinigende Aberkennung der Ehrenbürgerschaft.
Entscheidend ist eine fortwährende Auseinandersetzung beider Geschichten – nämlich derjenigen der Arisierung selbst und eben auch derjenigen, wie wir als Stadtgesellschaft mit dem „ehrenwerten Kaufmann und großzügigen Mäzen Henrich Vetter“ umgegangen sind – im auch damals schon in Ansätzen vorhandenen Wissen um dessen Verstrickungen. Ich habe die große Bitte an uns alle, auf diesem gemeinsamen Weg der durchaus schmerzhaften Aufarbeitung weiter zu gehen.
Mit dem Vorschlag der Verwaltung zum weiteren Vorgehen geht es nicht um das Ende des Prozesses, sondern um eine gesicherte gemeinsame Grundlage für die weitere Arbeit. Für die SPD-Gemeinderatsfraktion ist wichtig, dass das Vorgehen auch abgestimmt ist mit Historikerinnen und Historikern genauso wie mit der Vetter-Stiftung. Darüber hinaus findet eine Auseinandersetzung mit dem Verhalten der städtischen Verwaltung statt, die weitergeführt und dokumentiert werden muss.
Wir wollen die Erinnerungskultur in unserer Stadt stärken. Seit einigen Jahren gibt es etwa die bürgerschaftlich getragene Verlegung von Stolpersteinen oder aktuell zum Beispiel die Entscheidung über ein Mahnmal für die Opfer der Zwangssterilisation. Aber auch weiteres, wie etwa Unterrichtsmaterial und Projekte für die Schulen und selbstverständlich auch die Vertiefung der nachgewiesen aktiven und vorauseilenden Rolle der Stadtverwaltung gehören dazu.
Diskussion mit Demut führen
Letztlich geht es auch bei der Frage der Ehrenbürgerschaft von Heinrich Vetter um eine Diskussion, die mit Demut zu führen ist. Bei der Verleihung dieser Würde 1999 waren durchaus Informationen zur Zeit bis 1945 bekannt, die nicht betrachtet worden sind oder nicht gewollt worden ist, dass sie betrachtet werden.
Unser Dank gilt insbesondere dem Forschungsteam um Dr. Christiane Fritsche und dem Institut für Stadtgeschichte mit Dr. Ulrich Nieß sowie dem „Arbeitskreis Justiz“ und anderen bürgerschaftlichen Gruppen, die in den vergangenen Jahren immer wieder dafür gesorgt haben, dass wir uns diesen unangenehmen Fragen stellen und weiterhin stellen werden.