Hier findet ihr den offenen Brief des Parteivorsitzenden der französischen Sozialisten Jean-Christophe Cambadelis "an einen deutschen Freund" in einer Arbeitsübersetzung meines Büros sowie den Link zum Original. In diesem Brief stellt Jean-Christophe Cambadelis seine Sicht bezüglich der Verhandlungen mit Griechenland und der deutschen Rolle dar.
Historische Vergleiche hinken bekanntlich alle immer irgendwo irgendwie. Aber dieser Brief zeigt exemplarisch deutlich und unmissverständlich, wie um uns herum in Europa vielerorts über uns gedacht wird. Und das darf uns unabhängig davon wie wir selbst darüber denken nicht egal sein. Auch wegen gestern, speziell wegen heute und ganz, ganz besonders wegen morgen und übermorgen.
Arbeitsübersetzung des offenen Briefes von Jean-Christophe Cambadelis, Parteivorsitzender der französischen Sozialisten (PS), "an einen deutschen Freund"
„Mein lieber Freund,
Die Geschichte, die Geographie und auch die Kultur: alles verbindet uns.
Die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern gilt als eine der belastungsfähigsten und innigsten, die es gibt. Sie ist es tatsächlich. Sie ist außerdem ehrlicher Natur und erlaubt es, die Dinge untereinander klar auszusprechen.
Diese Freundschaft ist von vielen Auf und Abs begleitet, sowohl vor als auch nach Voltaire und Friedrich dem Großen. Sie ist das Herz und der Motor Europas.
Europa versteht die augenblickliche Beharrlichkeit Deines großen Landes nicht, sich auf die Rolle des strengen Väterchens zu beschränken - und das zu Recht, mein lieber Freund.
Hat Dein Land etwa die Solidarität Frankreichs vergessen, selbst nach den schrecklichen Verbrechen, die in Deinem Namen begangen wurden? Richtig, am Ende des zweiten Weltkriegs, dieses neuen, europäischen Bürgerkriegs, hat Frankreich das deutsche Volk mit aufgerichtet.
Das von De Gaulle geführte Frankreich und ganz Europa mit ihm - natürlich mit Churchill, Gaspéri, Adenauer. 1947 verhinderte der Marshall Plan, Deutschland noch ein wenig mehr bluten zu lassen und war bereits Ausdruck der Kraft der Solidarität, um die Wunden der Vergangenheit zu heilen und in die Zukunft zu blicken.
Es war die Solidarität Frankreichs und Europas, die im Rahmen der Vereinbarungen von London im Jahr 1953 eine beträchtliche Reduktion der deutschen Schulden erlaubte. Berlin sollte sich jetzt an diese historische Lektion erinnern, wenn sie Athen Lektionen im Haushalten erteilt. Und im Übrigen sollten wir nebenbei festhalten, dass wenn wir vor drei Jahren die griechischen Schulden annulliert und ein Referendum ermöglicht hätten, wir heute ohne Zweifel nicht in dieser Lage wären.
Doch zurück zu uns. Frankreich nutzte all seine Möglichkeiten in der Affäre um die SS-20 Raketen, um das deutsche Staatsgebiet zu schützen, das damals zwischen die Fronten der beiden Blöcke geraten war. In jener Epoche befanden sich die Raketen im Osten und Paris stellte sich an die Seite Westberlins.
Diese wiederholten solidarischen Gesten zwischen unseren beiden Ländern haben aus den Feinden der Vergangenheit Freunde der Gegenwart gemacht. Man wird sich auch immer an diesen symbolträchtigen Moment, diesen Augenblick im September 1984 erinnern, als Präsident Mitterrand und Kanzler Kohl Hand in Hand auf das Mahnmal des Beinhauses von Douaumont und die Geschichte blicken. François Mitterand hat Dein Land geliebt. Man hält ihm übrigens vor, dass er anlässlich seiner letzten öffentlichen Rede im Mai 1995 den Mut der deutschen Soldaten (von Rang) erwähnte.
Und dann war da natürlich 1989, der Mauerfall, der das Ende des kalten Krieges und eine weitere, neue Etappe in der Vertiefung der deutsch-französischen Freundschaft markierte. Frankreich begrüßte und vereinfachte damit die deutsche Wiedervereinigung. Es stellte sich dem nicht entgegen, als die Deutsche Mark am ersten Juli 1990 die einzige deutsche Währung wurde, und bot somit dem ehemaligen Ost-Deutschland eine überbewertete Währung und Europa eine antiinflationäre Sparpolitik an.
Frankreich und Europa haben Deutschland erlaubt die einflussreiche Nation zu werden, die es heute ist. Ja, Deutschland ist eine große und schöne Nation! Doch es sollte dies nicht nutzen, um sich zum Fahnenträger eines beschränkten und schwerfälligen Ordoliberalismus zu machen, sondern um aus Europa einen Kontinent zu machen, der die Gerechtigkeit in einer Welt vertritt, die in den Teufelskreis des Profits geraten und durch die Rückkehr nationaler Identitäten in Aufregung versetzt ist.
Berlin muss begreifen, dass Europa das Rennen um die niedrigsten sozialen Standards gegen China oder Indien nur verlieren kann und, dass unser erneuertes Sozialmodell unser größtes Kapital im globalen Wettbewerb ist.
Selbstverständlich kann Europa nur mit Respekt für die Verträge und das gegebene Wort funktionieren. Aber Europa muss auch die Menschen und ihre Geschichte respektieren, wenn es gedeihen und sich mit seinem eigenen Volk versöhnen möchte, wenn es etwas anderes als eine weitere sterbende Institution sein möchte.
Das Europa des Volkes würde nicht verstehen, dass Deutschland mit seiner wirtschaftlichen Kraft ein einmaliges ökonomisches Modell durchsetzt, das auf ideologischer Austerität und Haushaltspointillismus beruht. Natürlich braucht Europa ein starkes Deutschland. Es braucht aber ebenso ein solidarisches Deutschland, nicht eines, das im Alleingang agiert.
Das solidarische Deutschland ist das von Jürgen Habermas im Gegensatz zur "Auflösung der Politik im Einklang mit den Märkten", die der deutsche Philosoph vor ein paar Wochen im Artikel einer französischen Abendzeitung anprangerte.
Sollte Deutschland der kontinentalen Solidarität den Rücken zukehren, riskiert es missverstanden zu werden, indem es Europa de facto vor eine verhängnisvolle Alternative bzw. ein schreckliches Referendum stellt: für oder gegen Deutschland.
Mein Guter Freund, Deutschland muss sich besinnen und zwar schnell! Es muss sich an die Lehren Helmut Schmidts erinnern. Es ist notwendig, dass es sich ins Gedächtnis ruft, dass Europa durch kleine Schritte aber auch durch große Gesten entstand.
Ein Wort noch zu unserer Freundschaft. Die europäische Kultur ist seine schönste Frucht, eine Kultur, die wir geerbt haben und teilen. Ja, Europa braucht ein wiederbelebtes deutsch-französisches Paar. Du weißt sehr gut, dass wenn unsere Freundschaft erkaltet, ganz Europa erkrankt. Ich denke, es ist an der Zeit, die Idee, die Grundlage der deutsch-französischen Kooperation ist und zu schnell ad acta gelegt wurde, in die Tat umzusetzen. Um den begangenen Weg zu erkennen und die Route vorzugeben, die unsere Völker und unseren Kontinent zu Solidarität, Sicherheit und Wohlstand führt.
Dir die Freundschaft und Gesundheit den Deinen"
Original: http://www.cambadelis.net/2015/07/16/lettre-ouverte-a-un-ami-allemand/