Eltern im "Schockzustand" fordern Ausbau von Hortplätzen
Von unserem Redaktionsmitglied Jan Cerny
"Die Ankündigung, den Hortausbau zu stoppen, hat uns in einen Schockzustand versetzt", Roger Back, Sprecher der Elterninitiative, die sich spontan auf dem Lindenhof gebildet hat, sparte bei der öffentlichen Sitzung des Bezirksbeirates nicht mit deutlichen Schilderungen der Befindlichkeiten der Eltern im Stadtteil. Unterstützt wurde er von zahlreichen Müttern und Vätern, die zusammen mit ihren Kindern auch im Vorfeld der Sitzung in der Lanz-Kapelle mit selbst gestalteten Transparenten auf ihre missliche Situation hingewiesen hatten: "Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Mannheim nicht leistbar", "Entscheidend für Standort: Wer betreut unser Schulkind", "Hortplatz dringend gesucht".
Sitzungsleiter, Bürgermeister Michael Grötsch, reagierte prompt, warf die Tagesordnung um und gab den Eltern Gelegenheit, ihre Anliegen zu schildern. Und die sind "nicht von schlechten Eltern". "Meine Frau und ich sind berufstätig", erklärte Roger Back, "jetzt diskutieren wir, wer von uns kündigen soll, weil es keinen Hortplatz für unser Kind gibt". Ins selbe Horn blies Martina Schillinger. Und Christiane Cloos: "Ich komme aus Rheinland-Pfalz, seit 15 Jahren lebe ich in Mannheim und zwar gern, jetzt überlege ich mir, wieder in meine Ursprungsheimat zurückzukehren."
Unterstützt wurden die Eltern von den Bezirksbeiräten. "Die Schaffung von Hortplätzen muss oberste Priorität haben", forderten Wolf Engelen (FDP), Patric Liebscher (Grüne), Dr. Ingeborg Dörr (CDU), Wilma Balkow (SPD) und Professor Dr. Klaus-Jürgen Hahn (ML) unisono.
Doch das scheint nicht das Problem zu sein. Andrea Meier-Nollau vom Fachbereich Bildung versicherte, dass die Stadt alles unternehme, um Hortplätze zu schaffen. Geld sei bereit, Räume seien vorbereitet, allein es fehle an Fachkräften mit der vom Landesjugendamt vorgeschriebenen Qualifikation: "Der Markt ist leer gefegt." Nun bemühe sich die Stadt, das Landesjugendamt dazu zu bewegen, auch Betreuer aus verwandten Berufen zumindest vorübergehend zuzulassen. An Vorschlägen seitens der Eltern fehlt es nicht: wartende Referendare, Lehrer ohne Stellenangebote, nachqualifizierte Logopäden.
Eine Entlastung der Situation könnte die Einrichtung von "Verlässlicher Grundschule" etwa an der Diesterwegschule bringen. Auch das werde bei der Stadt verfolgt. Allerdings müssten die Schulen mitmachen. Eine Lösung des Problems konnten Andrea Meier-Nollau und Bürgermeister Grötsch den Eltern von derzeit 53 Kindern auf dem Lindenhof (553 Kinder in der ganzen Stadt) während der Sitzung zwar nicht präsentieren. Grötsch versicherte aber zuletzt: "Das Thema ist bei der Stadt ganz, ganz oben auf der Prioritätenliste."
Das Problem könnte sich noch verschärfen, wenn der Lindenhof weiter ausgebaut wird, wie mit dem Projekt "Mannheim 21" geplant. Noch gilt der Arbeitstitel, vom städtischen Projektleiter Ottmar Schmitt erfuhren die Bezirksbeiräte, dass ein neuer Name für das zu entstehende Quartier gefunden worden sei. Bei einem Findungswettbewerb seien 650 Vorschläge eingegangen. Eine städtische Kommission habe einen ausgewählt und wird ihn demnächst dem Gemeinderat vorlegen. Bis dahin wollte Schmitt nichts verraten.
Mit sichtlicher Freude vernahmen die Bezirksbeiräte von Jutta Weyl (Wirtschaftsförderung), dass in die Meerfeldstraße ein Supermarkt einzieht, und zwar in die von Tengelmann verlassenen Räume. Es handele sich um Cupmarkt, einer Tochtergesellschaft von Edeka.
Und auch sonst soll sich in der zentralen Lindenhöfer Einkaufsmeile etwas tun. So versprach Bernd Grabinger vom Fachbereich Straßenbetrieb und Grünflächen, dass demnächst die Straßenbeleuchtung erneuert und saniert wird. Allerdings sähen es Lindenhöfer nach den Worten von Stadtrat Professor Dr. Horst Wagenblaß gern, wenn ein Stadtplaner ein Gesamtkonzept für die Gestaltung der Meerfeldstraße ausarbeiten würde. In diese sollte aber auch, so ein weiterer Vorschlag, der Meeräckerplatz einbezogen werden. Der befinde sich, so die lautstarke Klage der Bezirksbeiräte und Anwohner, in desolatem Zustand.
Mannheimer Morgen
15. Juli 2011